Bild dir selbst ein Urteil

Vor Jahren schenkte mir meine liebe Nachbarin den Roman „Traumfänger“ von Marlo Morgan. Er hat mir so gut gefallen, dass ich ihn behalten habe (was bei mir eher selten vorkommt). Jezt habe ich das Buch nochmal gelesen und finde es immer noch gut, besonders die weisen Gedanken, die es enthält. Bei amazon ist es sehr unterschiedlich beurteilt. Darauf komme ich am Ende noch mal zurück.

Eine amerikanische Ärztin arbeitet in Australien mit entwurzelten jungen australischen Ureinwohnern (zur korrekten Benennung s. hier). Sie soll dafür von Aboriginals eine Ehrung erhalten, zieht ihr bestes Seidenkleid und ihren Goldschmuck an und wird mit einem Auto abgeholt. Doch alles kommt ganz anders.

Sie erreichen ihr Ziel verschwitzt und voller Staub und Sand. Die dunkelhäutigen Stammesmitglieder reichen ihr einen formlosen Kittel, übergeben ihre Besitztümer dem Feuer und fordern sie auf, sie auf einen ‘Walkabout’ zu begleiten. Es ist nicht ganz einleuchtend, warum sie tatsächlich mitgeht …  aber sie übersteht den ersten harten Tag und auch die weiteren. Sie hat viele körperliche und seelische Prüfungen zu bestehen, schläft auf der Erde und isst Spinnen, Beeren, Maden und was es sonst noch Essbares unterwegs gibt. Nach und nach erschließt sich ihr die faszinierende Kultur der Aboriginals, die ein ganz anderes Verhältnis zur Natur und zum Leben überhaupt haben. Am Ende kehrt sie wieder in die sogenannte Zivilisation zurück.

Einige Kritiker werfen dem Buch vor, es sei in zu einfacher Sprache geschrieben (finde ich nicht), andere bemängeln, dass Morgan alles erfunden habe, aber den Eindruck erwecke, es sei ein Tatsachenbericht. Es soll sogar Aboriginals geben, die dieses Buch verurteilen und dagegen vorgehen, weil es sie in schlechtem Licht darstelle.

DAS kann ich nun überhaupt nicht nachvollziehen und ich nehme das Buch so, wie es für mich erscheint, egal ob erfunden oder nicht. Das interessiert mich nicht, wohl aber die klugen Gedanken, die Marlo Morgan den Aboriginals in den Mund und in die Gedanken legt und die es wert sind, dass man weiter über sie nachdenkt. Sein Urteil darüber und über das Buch muss sich jeder selbst bilden.


9 Antworten zu „Bild dir selbst ein Urteil“

  1. rittiner & gomez sagt:

    wir hatten auf alle fälle hitzige diskussionen, ob das buch nun wahr oder frei erfunden sei und haben den inhalt total vergessen.

  2. Nicole sagt:

    Schade, dass vielen Menschen mehr daran liegt, ob das Buch wahr ist oder nicht, wenn der Inhalt etwas bewegen koennte.

  3. april sagt:

    @ rittiner & gomez: Ach, dann kennt ihr das. Komisch, dass dieses Buch solche Kontroversen auslöst. Ich muss sagen, es ist mir egal, ob es wahr ist oder nicht; mich haben bestimmte Gedanken angesprochen. (Ich glaube übrigens eher, es ist nicht wahr)

    @ Nicole: Bei manchen Menschen können vielleicht einige Gedanken etwas bewegen. Allerdings sind wir viel zu sehr in unserer Zivilisation verfangen …

  4. Nicole sagt:

    Die meissten.
    Stimmt.

  5. Grey Owl Calluna sagt:

    Liebe April!
    Ich habe dieses Buch auch vor einigen Jahren gelesen und war damals ganz begeistert.
    Als ich hörte, dass das alles nicht wahr sein soll,….war ich erst enttäuscht. Aber Du hast recht,….“es war und ist ein gutes Buch“,….das, wie auch Du schon bemerkst, die australischen Ureinwohner durchaus NICHT in ein schlechtes Licht rückt.
    Liebe Grüße
    Grey Owl

  6. Iris sagt:

    Auch ich habe das Buch vor vielen Jahren gelesen, und es hat mich begeistert. Ich kann mich nicht mehr an viele Details erinnern, aber im Nachhall erinnere ich mich daran, dass ich damals besonders vom respekt- und würdevollen Umgang der Aboriginals mit der Natur fasziniert war. Gleichzeitig hat es mich traurig gestimmt, dass wir Europäer diese intensive Beziehung zu ihr verloren haben. Das Buch hat also Gefühle in mir ausgelöst. Demnach war es für mich ein gutes Buch.

    Was das Bild der Aboriginals betrifft, das mir durch das Buch vermittelt wurde, ist es ein Bild von Menschen, die in völliger Harmonie mit ihrer natürlichen Umgebung und ihren Mitgeschöpfen leben. Wie das ausgerechnet die Aboriginals in ein ’schlechtes Licht’ rücken könnte, leuchtet mir nicht ein. Und auch wenn dieses Bild ‘nur’ der Vorstellung einer Schriftstellerin entsprang, bleibt es in meiner Erinnerung dennoch ein schönes Bild schöner Menschen.

  7. april sagt:

    @ Nicole: Ganz lösen kann man sich nicht von der Zivilisation, will ich auch nicht, aber ein bisschen mehr auf die Natur und die Umwelt achten, müsste doch möglich sein.

    @ Grey Owl: Ich finde es unwichtig, ob das wahr ist oder nicht. Mir gefällt es einfach so.

    @ Iris: Danke, Iris, sehr schön geschrieben. Genau so habe ich das empfunden und ich behalte das Buch auch nach dem zweiten Lesen und habe noch ein weiteres meiner Freundin geschenkt.

  8. ulileo sagt:

    Also für mich gehört es zu meinen Lieblingsbüchern – ganz gleich ob erfunden oder wahr – eben weil so viel Weisheit dort zu finden ist.

    LG

    Ulileo

  9. april sagt:

    Danke, Ulileo, genau so sehe ich das auch.

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