„Katzenauge“ von Margaret Atwood

Die Malerin Elaine kehrt anlässlich einer Retrospektive ihrer Werke in die Stadt ihrer Kindheit zurück und erinnert sich in vielen Rückblenden. Mit Eltern und Bruder zog sie ohne festen Wohnsitz umher, geschlafen und gelebt wurde in billigen Motels oder gar im Zelt. Und doch scheint es eine glückliche Kindheit gewesen zu sein – bis die Familie in Toronto sesshaft wurde und die kleine Elaine in die Schule gehen musste. Ihre Familie wurde als ein wenig exotisch angesehen und das führte zu vielen Repressalien für das kleine Mädchen. Die Schlimmsten waren ihre drei Freundinnen, deren Anführerin Cordelia sich besonders darin hervortat, Elaine zu drangsalieren und zu beherrschen. Heute würden wir das Mobbing und Psychoterror nennen. Erst als Elaine durch die Schuld der drei Mädchen fast im eiskalten Bachwasser umkommt, erkennt sie das wahre Gesicht ihrer „Freundinnen“ und löst sich von ihnen. Damit endet der erste Teil, in dem es kaum ‘Action’ gibt, sondern genaue Beobachtungen, akribische Beschreibungen und feinsinnige Gedanken. Die Faszination des Buches liegt für mich in der teils nüchternen, teils schillernden Sprache, die unter der Übersetzung anscheinend nicht gelitten hat.

Der zweite Teil hat mir weniger gut gefallen; er scheint mir zu atemlos und zu sehr im Zeitrafferstil geschrieben. Elaine sieht Cordelia wieder, doch nun sind die Rollen vertauscht und Elaine rächt sich, indem sie Cordelia zurückstößt. Wir erfahren von ihren Männern, dem Tod des Bruders und der Eltern und ihren Problemen mit dem Älter-Werden. Ihr Leben, vor allem ihre Kindheitsqualen, hat sie in ihren Bildern verarbeitet.

Es ist kein fröhliches Buch, sondern melancholisch und manchmal bedrückend. Dennoch hat es mir wegen der Sprache und der Art, wie sie ihre Kindheitserinnerungen lebendig werden lässt, gefallen. Das Buch und die schrecklich verspielte Webseite der Autorin.